Gold-Franzi besucht die KiO-Jugendfreizeit

11. September, 2017

Die transplantierte Paralympics-Siegerin Franziska Liebhardt aus dem Vorstand der Sportler für Organspende begleitete eine KiO-Jugendfreizeit. Über ihre Tage mit den transplantierten Jugendlichen hat sie einen Bericht verfasst.


„Darf ich ein Tattoo haben?“

KiO-Jugendfreizeit: Eindrücke von Paralympics-Siegerin Franziska Liebhardt


Hirschbach ist ein kleines Dorf etwa 40 Kilometer nordöstlich von Nürnberg. In fröhlicher und lockerer Atmosphäre empfingen wir dort zunächst die Familien, die ihre Jugendlichen persönlich vorbeibrachten, etwas später kamen auch diejenigen hinzu, die in einer kleinen Gruppe gemeinsam mit der Bahn anreisten.
Neben den Erlebnispädagogen Susanne und Hannes begleiteten Ärztin Andrea und unsere auf Transplantation spezialisierte Krankenschwester Meike die Seminarwoche. Ich selbst hatte die Aufgabe zu beobachten, zu fotografieren, den Jugendlichen von meiner eigenen Geschichte zu berichten sowie Anregungen, Tipps und Hilfestellungen zum eigenverantwortlichen Umgang mit einem Spenderorgan zu geben.

Bis auf einen Jugendlichen, der neu hinzukam, kannten sich alle bereits von einer Eltern-Kind-Freizeit von KiO im vergangenen Jahr. Seitdem war ein reger Kontakt zwischen den Kindern, aber auch zwischen den Eltern entstanden. Schon einige Wochen vor der Jugendfreizeit wurde rege per WhatsApp und Telefon kommuniziert, um Pläne zu schmieden und die Zimmerverteilung zu planen. Insbesondere die Mädchen in der Gruppe hatten auch zwischen den Freizeiten regelmäßigen Austausch und haben sich angefreundet.



In einem ersten Begrüßungstreffen bei Melone, Keksen und Getränken durften die Jugendlichen zunächst von ihren Erwartungen und Ängsten bezüglich des bevorstehenden Camps berichten und Wünsche äußern. Gemeinsam haben wir das geplante Programm besprochen, Verhaltensregeln geklärt und erste Aufgaben verteilt. Pläne zum gemeinsamen Kochen wurden geschmiedet und wir haben bestimmt, wann gegrillt und wann Pizza essen gegangen werden sollte.

„Ohne Berührungsängste“

Bei sogenannten „Wups“ (Warm-ups) zum Wachwerden am Morgen sowie bei Teambuilding-Maßnahmen, etwa auf der Slackline im Wald, zeigte sich von Anfang an die tolle Atmosphäre zwischen den Jugendlichen. Alle waren mit Feuereifer bei der Sache, es wurde viel gelacht und alle Aufgaben wurden mit Ehrgeiz und Durchhaltevermögen gemeinsam gelöst: Gar nicht so einfach, eine Folie mehrfach zu falten, wenn man mit neun Personen darauf steht. Oder ein Netz zu durchsteigen, ohne die Leinen zu berühren. Die Aufgaben waren vielfältig. Die Jungen halfen, wo immer die Mädchen Hilfe brauchten, andersrum natürlich auch. Berührungsängste gab es nicht. Ganz selbstverständlich ging die Gruppe auch mit der Blindheit einer Jugendlichen und der Schwerhörigkeit einer anderen Jugendlichen um. Ausgelacht oder gar ausgegrenzt wurde niemand. Die Betreuer konnten während der gesamten Zeit entspannt zusehen, wie freundlich und hilfsbereit die Jugendlichen miteinander umgingen. Bedenkt man, dass die Altersspanne zwischen 13 und 17 Jahren lag, war das schon eine positive Überraschung!



Das Programm hatte einige Attraktionen: Gruppenspiele in der Natur, eine Kanutour auf der Pegnitz, Abseilen, Klettern in der Felswand oder auf dem Klettersteig. Wem beim Anblick der Felswand Bedenken kamen, der wurde von anderen ermutigt: „Warte bitte, bis ich da bin, ich kann dir helfen, die beste Route am Fels zu finden.“ Solche und ähnliche Sätze hörte man oft. So trauten sich auch anfangs vorsichtigere Jugendliche auf einmal auf die schwerste der drei Kletterrouten am Fels zu. Sie tankten Selbstvertrauen, und das ohnehin schon auffällig gut ausgeprägte Verantwortungsbewusstsein dieser Jugendlichen konnte weiter geschult werden.
„Wenn wir die Bootsbesetzung tauschen, sind wir mit unserem Boot zwar nicht mehr so schnell, dafür haben die Mädchen aber Hilfe beim steuern und die ganze Gruppe kann besser zusammenbleiben“, stellten zwei Jungs bei der Kanutour fest und beschlossen, durch Umbesetzung der Boote ihre eigenen Bedürfnisse zurückzustellen, um der ganzen Gruppe zu helfen. Selbstverständlich war für die Jungs auch, die schweren Boote der gesamten Mannschaft von A nach B zu tragen. Eine große Hilfe für alle.



Zum Ende jedes Tages hatten die Jugendlichen die Gelegenheit, ihre Freizeit selbst zu gestalten. Schwimmen im nahegelegenen Freibad, die Erkundung alter Seilbahnkabinen im Wald oder einfach nur mit den anderen „chillen“. Gemeinsames Pizzaessen sowie Kochen standen ebenfalls auf der Agenda.

„Mit den Problemen nicht allein“

Die abendlichen medizinischen Kontrollgänge von Schwester Meike und Ärztin Andrea wurden kaum gebraucht. Die Jugendlichen waren sehr zuverlässig, kontrollierten eigenständig und gegenseitig die Einnahme ihrer Tabletten und wechselten sogar selbständig Verbände, wobei sie sich gegenseitig vorbildlich unterstützten.
Wichtige Themen der Transplantation wurden natürlich auch besprochen. Beim Legen von Lebenslinien, als sich jeder Jugendliche nochmal mit seinem bisherigen Leben auseinandersetzen konnte, floss so manche Träne. Alle konnten jedoch durch den guten Zusammenhalt der Jugendlichen untereinander ohne Hilfe der Betreuer schnell getrocknet werden. Am Schicksal der anderen teilhaben, sich austauschen, sich gegenseitig unterstützen, feststellen, dass man mit seinen Problemen nicht alleine ist – dieses Ziel wurde erreicht.



Jugendlich und organtransplantiert, da kommt so manche alltägliche Frage auf. „Darf ich eigentlich ein Tattoo haben?“, fragten die Jugendlichen zum Beispiel. Oder: „Wie mache ich das mit der pünktlichen Einnahme der Tabletten, wenn ich am Wochenende mal länger pennen will?“ Aber auch andere wichtige Fragen, beispielsweise nach Schule und Ausbildung, Partnerschaft oder Schwangerschaft wurden in extra dafür angesetzten Gesprächsrunden genauso wie in lockerer Atmosphäre beim Abendessen besprochen.

Was kann ich nach meinem Besuch der KiO-Jugendfreizeit für mich festhalten? Die gute Balance zwischen sportlichen Aktivitäten, viel Spaß und der Beschäftigung mit ernsten Themen wie dem verantwortlichen Umgang mit der eigenen Gesundheit haben mich überzeugt. Die Jugendfreizeit war eine rundum tolle Erfahrung. Diese Arbeit von KiO lohnt sich!



Die Autorin

Franziska Liebhardt wurde 2009 lungentransplantiert und erhielt 2012 zusätzlich ein Nierentransplantat. 2011 Weltmeisterin in der Leichtathletik der Organtransplantierten, startete sie ab 2013 wegen ihrer zusätzlichen Halbseitenlähmung im paralympischen Sport. Trainiert von Speerwurf-Weltmeisterin Steffi Nerius gewann sie bei den Paralympischen Spielen 2016 in Rio Gold im Kugelstoßen und Silber im Weitsprung. Damit beendete sie ihre Karriere und engagiert sich seitdem unter anderem als Vorstandsmitglied im Verein Sportler für Organspende e.V.